Freitag, 6. Dezember 2013

Kapitel 5 (2)

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Foto: Ludwig Feuerbach, Philosoph und Anthropologe, mit dessen Texten sich der junge Marx besonders intensiv auseinandersetzte.
Ludwig Feuerbach„Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme - ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens -  das von der Praxis isoliert ist - ist eine rein scholastische Frage.“ und „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern!“ – das sind zwei der berühmten Marxschen „Feuerbach-Thesen1. Mit ihnen wollte Marx die Ansichten „vom Kopf auf die Füße stellen“. Schon in jungen Jahren gelang ihm mit seiner Analyse wirtschaftlicher Strukturen und menschlicher Abhängigkeiten in den „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“ ein großer Wurf. Tatsächlich nutzte er das wissenschaftliche Denken seiner Zeit soweit es ihm möglich war, und das heißt, dass er nicht über die Modelle der klassischen Mechanik hinauskam und weder von Quantenphysik noch Relativitätstheorie etwas ahnen konnte – ebenso wenig von Genetik oder Psychoanalyse.
Entscheidend für den Umgang mit den Theorien von Marx, Engels und Lenin war und ist, dass sie den Anspruch der „Objektivität“ erhoben, einer von der subjektiven Wahrnehmung unabhängigen Gültigkeit; dass sie die Ökonomie, die gesellschaftlichen Bewegungen und letztlich die Zukunft der Menschheit planbar und vorhersehbar machen wollten wie die Keplerschen Gesetze die Planetenbewegung. Und das Ziel war von schöner Klarheit: die Gesellschaft als „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist.“2.
Der Weg dorthin sollte über die „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ führen, der einzelne sollte nur besitzen, wessen er fürs Leben bedurfte, keineswegs aber Fabriken, Grund und Boden, Kapital etc., und vorangehen sollte auf diesem Weg die Arbeiterklasse, die „nichts zu verlieren hatte als ihre Ketten“. An deren Spitze wiederum sollte die Kommunistische Partei stehen, im Alleinbesitz der „wissenschaftlichen Weltanschauung“ und also unfehl- und unbesiegbar.
Die Theorie und die ihr folgenden politischen Richtungen gerieten alsbald ins Dilemma aller Pat(end)lösungen: sie mussten die Menschen mit Gewalt glücklich machen. Wer „Produktionsmittel“ besaß, sah die „wissenschaftliche Begründung“ seiner Enteignung nicht ein und trennte sich ungern freiwillig vom Besitz; diese programmatische Auseinandersetzung mit dem „Klassenfeind“ konnten die Kommunisten nie gänzlich für sich entscheiden. Wo sie es schafften, endeten sie im Desaster: ökonomisch, ökologisch vor allem aber moralisch. Die vorhergegangene Geschichte der Menschheit kennt keine Niedertracht und keine Grausamkeit, keine Folter und keinen Massenmord, den nicht sozialistisch-kommunistische Machthaber wie Lenin, Stalin, Mao und ihre Gefolgsleute, Epigonen und Adepten im Namen der „lichten Zukunft der Menschheit“ und des „sozialistischen Humanismus“ übertroffen hätten. Nur wer sich von romantischen Verklärungen des Sozialismus nicht trennen mag, wird die Verwandtschaften nach Anspruch, Klientel und Methoden übersehen, die selbst den Nationalsozialismus mit seinen Namensvettern verbinden. Aber es gehört immer noch Mut dazu, solchen Verklärungen zu widersprechen. Götz Aly hat das mit seinem beeindruckend recherchierten Werk “Hitlers Volksstaat”3 getan.
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1 Der Name bezieht sich auf Marx' Kritik an Texten von Ludwig Feuerbach 2 Marx/Engels „Kommunistisches Manifest
3 Götz Aly „Hitlers Volksstaat“, Frankfurt am Main, S. Fischer 2005








Dienstag, 3. Dezember 2013

Kapitel 5 (1)

Sozialstaat und Gestell - ein Exkurs über systematische Fehler
Die Fiktion der „sozialen Gerechtigkeit“ und die latente Gewalt institutionalisierter Heilsversprechen
Engels_1856„Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ abzuschaffen: das ist ein Ziel, dem kaum einer sich verweigern würde. Wer wollte Ausbeutung dulden oder gar befürworten? Nur Zyniker oder Despoten sind so unverfroren.
Als , Bürgersohn und Unternehmer aus Wuppertal, sich der „Lage der arbeitenden Klasse in England“ annahm, beschrieb er elende Zustände, die uns heute in Europa kaum mehr vorstellbar erscheinen. Das menschliche Desaster der Proletarier war erschütternd wie heute das in chinesischen, philippinischen, indischen oder pakistanischen „Sweat Shops“. Während damals wie heute große Teile der Bevölkerung in Armut schuften und vegetieren, kommen die Aufsteiger des Industriezeitalters zu unmäßigem Reichtum. Der Kapitalismus nahm zu Marxengels Zeiten Fahrt auf, er hat sein Tempo bis heute fast ununterbrochen gesteigert. Aus Kriegen und Naturkatastrophen schöpfte er Gewinne, er machte aus der Welt einen einzigen großen Markt.
Kapital_titel_bd1Karl Marx hat diese Umwälzung vorhergesehen: er prophezeite Technisierung, Industrialisierung, globale Märkte und Unternehmen; die Dynamik des kapitalistischen Systems der Wertschöpfung erkannte er als gewaltig. Interessanterweise wollte er diese Dynamik auch keineswegs stoppen und er hätte sicherlich für den Bau von Atomkraftwerken und Weltraumstationen gestimmt. Marx war nur die „Naturwüchsigkeit“, das wilde und ungehemmte Wachstum unheimlich. Und den jungen Mann erzürnten die Rohheit und Verantwortungslosigkeit, mit der Unternehmer und Spekulanten Gewinne auf den Knochen der Arbeiter machten. Weil er den Heilsversprechen der Religionen aus gutem Grund misstraute, sah er in einer Zeit, als die Wissenschaften die Technik, die Wirtschaft und das gesamte Denken umkrempelten, nur in der konsequent atheistischen, wissenschaftlichen Behandlung sozialer Fragen eine Chance. Er wollte die Rechtfertigungen des Unrechts zerschmettern, indem er die Verhältnisse „objektiv“ auf dem Seziertisch der kritischen Vernunft betrachtete. Er wollte sie von ideologischen Verkleidungen befreien, die Elend und Ausbeutung unabänderlich erscheinen ließen. Seine Schriften begründeten und beförderten Bewegungen, die als „sozialistische“ und „kommunistische“ hinfort Ökonomie und Politik mitbestimmten.
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Montag, 2. September 2013

Kapitel 4 (4)

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Geister, die der Kopfschmerz rief ...Richten wir noch einmal den Blick auf die Interaktion. Bewusst registrieren wir fast nur die Störungen – so wie wir unseren Zeh erst wegen eines schmerzenden Dorns oder Hühnerauges beachten. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf den schmalen und begrenzten Ausschnitt, wo wir die Störung vermuten. Unsrer Erfahrung hat uns gelehrt, dass mit der Ursache auch die Störung zu beseitigen ist. Diese einfache Strategie ist sehr oft erfolgreich und in unseren unbewussten und impulsiven Reaktionen präsent. Sie beeinflusst aber auch unsere Wahrnehmung sehr stark, indem sie „feindlich– negative“ Züge unseres Gegenübers verstärkt: wir nehmen auch Geringfügiges „kontrastierend“ wahr: schärfer. Selbst Hühneraugen oder Pickel können Krebsängste mobilisieren - nicht nur bei ausgemachten Hypochondern. Es bedarf fast immer besonderer Reflektion oder spezifischer Lernprozesse, dem Wahrnehmungs- und Reaktionsmuster von Kausalattribuierung und Aggression gegen vermeintliche Störungsursachen nicht zu folgen.

Wie übermächtig solche Verhaltensstereotype sind, zeigt sich tagtäglich, wenn die Dorftyrannen dieser Welt die Überbringer schlechter Nachrichten maßregeln: Ihre Kreise werden gestört und die Ursache ist der Unglücksbote. Die meisten „Aufklärer“ des Medienjournalismus weichen bei ihrer Jagd nach Schuldigen um keinen Deut von diesem Schema ab.

Natürlich wandele ich wieder auf plattesten Sohlen, wenn ich an dieser Stelle betone, dass Aggression und Autoaggression so elementar für unser physisches und psychisches Überleben sind, wie das Agieren von Fresszellen in unserem Immunsystem. Aber die bloße Fokussierung auf Ursachen hindert uns daran, zweckmäßigere Wege der Lösung von Konflikten zu gehen. Stattdessen reagieren Konfliktparteien auf jede Antwort des Gegenübers mit Eskalation: Nach dem Prinzip „mehr desselben“[1] stolpern wir in sich unaufhaltsam verschärfende aggressive Handlungen hinein, deren Schaden dem Maß der ursprünglichen Störung nicht entspricht.

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[1] Paul Watzlawick „Anleitung zum Unglücklichsein“, München, Piper 1983

Mittwoch, 14. August 2013

Kapitel 4 (3)

Nietzsche ca. 1875(Zurück zu Abschnitt 2)
“Das hast du getan“, sagt mein Gedächtnis. „Das kannst du nicht getan haben“, sagt mein Stolz und lässt nicht locker. Endlich gibt das Gedächtnis nach.”
Des genauen Wortlauts dieses Zitats bin ich nicht sicher; es stammt von Friedrich Nietzsche und sagt alles über die Fähigkeit, sich von eigenen Taten und deren Wirkungen zu distanzieren.
Es fehlt nicht – und gerade in jüngster Zeit nicht – an Belegen für die Vitalität dieser Selbstinteraktion, dieses von beschönigender Selbstwahrnehmung induzierten Vergessens. Politiker, Journalisten, Finanzberater verlieren die Erinnerung an ihre Fehlleistungen am schnellsten.
Aber da das Verdrängen eigener Schuld nur die eine Hälfte des Problems löst – das Selbstbild bleibt rosig – nicht aber die andere, nämlich dass auch das Ansehen, der Sozialstatus intakt bleibt, verbindet sich das Verdrängen unweigerlich mit dem Abwälzen von Schuld und Versagen auf dritte (oder ein Drittes – z.B. die störrische Technik oder minderwertiges Material).
Diese unvermeidlich dem Ursache-Wirkung-Schema verhaftete Strategie nennen wir Kausalattribuierung. Sie folgt fast jeder Störung wie der Donner dem Blitz. Sie ist ein Ritual, und Rituale definieren Rollen.
Wir haben es hier mit einem besonders auffälligen Beispiel für die Definition einer „Rolle“ – nämlich der des Sündenbocks – durch charakteristische Interaktions- und Selbstinteraktionsmuster zu tun. Und dieses Muster besetzt eben nicht nur Individuen, sondern – wir erkennen wieder die „fraktale Selbstähnlichkeit“ – auch Sozialgebilde (Familien, Firmen, ethnische Gruppen, Organisationen, Staaten Religionsgemeinschaften etc.).
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Freitag, 2. August 2013

Kapitel 4 (2)

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Splitterbalken
Balken im eigenen, Splitter im Auge des Nächsten
Ich vermute, dass auch Sie leicht etliche „Sündenböcke“ aus Ihrem aktuellen Erleben aufzählen könnten – viel mehr als erfreuliche Zeitgenossen. Unsere Wahrnehmung nimmt feindliche und behindernde Faktoren eben viel stärker und lebhafter auf und antizipiert sie eher als freundliche. Die Qualitäten anderer Menschen erstrahlen übrigens nie so hell wie – womöglich durch Lob bestätigte – eigene. Unsere Fehler und unsere Schuld werden dagegen rasch ausgeblendet, vergessen, verdrängt. Genau dafür brauchen wir den Sündenbock.
Die Bibel zeichnet das Bild vom Splitter im Auge unseres Nächsten, den wir sehen, ohne den Balken im eigenen Auge wahrzunehmen (Abb. aus den pictura paedagogica). Es ist nicht die einzige präzise biblische Beschreibung menschlicher Verhaltensweisen, und es ist immer noch ein großer Gedanke, dass ein allerletzter, universeller Sündenbock die Menschen daran hindern könnte, sich selbst und andere weiterhin mit Schuldzuweisungen zu quälen. Alle Schuld, alles Versagen sei durch den Opfertod Jesu Christi am Kreuz abgegolten, und wer tätige Reue übt - also aus Fehlern erkennbar lernt – sei Gott sogar lieber als 99 Gerechte. Im rituellen Abendmahl, bei dem die Gläubigen symbolisch vom Blute ihres Erlösers trinken und von seinem Leib essen, wird die Vereinigung mit dem unschuldig und stellvertretend für alle Sünder gerichteten Religionsstifter vollzogen, die Schuld des einzelnen erlischt. Wahrhaftig: eine befreiende Ermunterung zum Lernen – denn ohne Fehler lernen wir nichts! – und eine Botschaft für den befreiten, verantwortungsbewussten und vertrauensvollen Umgang miteinander.
Die Kirche Christi (eine wirklich altehrwürdige Korporation!) interpretierte diese Botschaft alsbald dahingehend, dass nur die Christengemeinschaft solche Gnade verdient. Ungetaufte und unbußfertige Sünder verfielen über die Jahrhunderte erbarmungsloser Verfolgung. Missliebige Frauen wurden zu Hexen; ihnen schrieb man die Schuld an Missernten und Krankheiten zu. Wissensdurstige und Reformwillige wurden als „Ketzer“ und „Abweichler“ gefoltert und verbrannt, eine Praxis, die alle Religionen und Ideologien ziemlich ausnahmslos bis heute pflegen, auch wenn statt des Scheiterhaufens nur noch der öffentliche Rufmord zelebriert wird. Das Volk, dem Christus entstammte, wurde insgesamt zum Sündenbock – bis zum grausigen Höhepunkt der „Endlösung“. Das „vorsintflutliche“ Ritual erweist sich immer noch als mächtiges Verhaltensstereotyp. Und das gilt für den Einzelnen genau wie für kleine und große Sozialgebilde: Familien, Stämme, Völker und Religionsgemeinschaften, Nationen, weltumspannende politische Bewegungen und Unternehmen: der Bedarf an Sündenböcken ist unstillbar.

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Donnerstag, 1. August 2013

Wovon Medien - themenunabhängig - leben

sündenbock
Unser Gehirn hat ein Problem: “WARUM” ist seine Lieblingsfrage. Und die Antwort erfolgt reflexhaft – seit Millionen Jahren. Was das für unsere Wahrnehmung und unser Zusammenleben bedeutet, damit befasst sich Kapitel 4 in “Der menschliche Kosmos”.

4. Kapitel

Mir nützt, was anderen schadet – das egozentrische Weltsystem
Wahrnehmung und Wahrnehmungsfehler des egozentrischen Weltsystems. Rollenspiele vor der Gaskammer. Mitleid und Schadenfreude als soziale Schmiermittel.
Das älteste und unentbehrlichste Haustier des Menschen ist der Sündenbock.
Dieses Tier besitzt einige erstaunliche Eigenschaften: Es ist praktisch fast überall und jederzeit verfügbar, ohne dass es anwesend sein müsste. Seine Gestalt ist von unbegrenzter Mannigfaltigkeit: gerade war es noch der Nachbar mit seinem knatternden Rasenmäher, da nimmt es schon verallgemeinert die Form einer stinkenden, umweltzerstörenden Autolawine an, beschleunigt jäh bis zum Überschallknall eines Militärjets. Die Fratze der Kommunisten erscheint kurz im Abgasstrahl. Die Menschen schütteln noch die Fäuste gegen den Himmel, da plumpst der Sündenbock ihnen als Kohlendioxyd speiender amerikanischer Politiker vor die Füße. Der aber löst sich sofort in Nebel auf: „Die CIA!“ raunt es dunkel. „Die Illuminati“, grunzt der populärwissenschaftlich gerüstete Papa und greift zum Bier. Auf dem Bildschirm erscheint ein mit professoralen Weihen geadelter Sachverständiger und schickt sich an, den Schuldigen des jeweiligen Elends dingfest zu machen, aber plötzlich verlischt das Bild.
„Vanessa, du kleines Mistvieh, leg sofort die Fernbedienung auf den Tisch“, kreischt die Mama, es folgt das Geräusch eines schweren pädagogischen Missgriffs und das Geplärr jener kleinen, schwachen Figur, in die der Sündenbock gerade inkarniert ist.
Vom Sündenbock lässt sich nur eines mit Sicherheit sagen: er ist schuld. Niemand hat meines Wissens – und das grenzt in der Ära des quantifizierenden Denkens an ein Wunder – genau quantifiziert, wie viel Zeit Menschen im Laufe ihres Lebens mit der Jagd nach dem Sündenbock verbringen. Es ist sehr viel. Denn nicht nur die wirkliche Jagd – etwa auf den Pfuscher am Arbeitsplatz oder in der Verkehrsbehörde – frisst ja Zeit, auch die Beschreibungen, Analysen, Klassifizierungen seiner politischen, wirtschaftlichen, moralischen Erscheinungsformen müssen dazu gerechnet werden, seine Auftritte auf Bühnen, in Film, Funk, Fernsehen und Computerspielen, in Büchern und Zeitschriften. Genaugenommen sind wir mit wenig anderem so ausdauernd beschäftigt wie mit ihm, dem Sündenbock, oder anders gesagt, damit, Feindbilder zu zeichnen und Schuld zuzuweisen.
Weiterlesen in Abschnitt 2

Mehr zur Frage, wieso wir alle gerne mal zum Mob gehören.



Sonntag, 21. Juli 2013

Lebenszeit

2013-07-14 12.15.54

Der Sommer bleibt nicht. Sag: willst du denn bleiben?
Törichter Mensch, das Universum rechnet nicht
in deinen Zahlen: Stunde, Jahr und Tag.
Ist nicht dein Winter dir ins Fleisch geschrieben?
Ist's nicht des Herzens allerletzter Schlag?

Du weißt es nicht. Du willst es gar nicht wissen.
Du wünschst, dass jeder Schmerz dich meiden soll.
Du träumst von Lust, von Liebe und von Küssen
Die ewig dauern, ohne Lebewohl.

Dein Herbst, mein Freund, winkt schon aus Rosenblüten
Die Wolken ziehn – vertrau dich ihnen an.
Du warst ein Kind, geliebt, du wurdest Mann
Und lerntest hassen, kämpfen, wüten
Bist bald ein Greis, schon färbt der Frost dein Haar -
Vertrau den Wolken. Was vergeht, ist wahr.

Sonntag, 28. April 2013

Kapitel 3 (38)

Adolf Eichmann im Prozess 1961Psychologen haben immer wieder beobachtet und dokumentiert, dass zu schweren Gewalttaten neigende Straftäter ihren Therapeuten gegenüber ein fast perfekt ausgeprägtes, „erwünschtes“ Sozialverhalten zeigen. Immer wieder lassen uns nach grausamsten Sexualverbrechen oder Serienmorden erstaunte Nachbarn, Freunde, Familienangehörige via Fernsehen, Radio, Presse wissen, der Täter sei als angepasster, höflicher und unproblematischer Zeitgenosse in Erinnerung. Als sei nicht gerade diese Schonhaltung zum Vermeiden von Konflikten, diese Unfähigkeit, Konflikte als natürlichen Teil des Lebens zu erfahren und sehr unterschiedliche Strategien für deren Lösung zu entwickeln, das wahrhaft Besorgniserregende.
Eine Psychopathologie Adolf Eichmanns hat es deshalb nie gegeben, weil sein Verhalten lebenslang den Normativen eines brauchbaren, wenig auffälligen An-Gestellten entsprach. Seine Selbstwahrnehmung war entsprechend. Das liegt nun nicht etwa daran, dass Eichmann psychisch nicht gestört gewesen wäre, sondern daran, dass seine psychische Deformation massenhaft verbreitet, ja sogar als besondere Eignung für spezielle politische Ziele willkommen ist. 
Ein Apparatschik der mörderischen Art braucht keine „teuflisch-dämonische Tiefe“ - das hat Hannah Arendt schon im Eichmann-Prozess beobachtet. Es genügen Karrieregeilheit und ein empathiefreier Dominanzimpuls. Solche Figuren reussieren besonders in totalitären Systemen: Dserschinski, Beria, Heydrich, Mielke sind nur die bekanntesten von ihnen. Es gibt sie aber in jedem Herrschaftsapparat, auch in demokratischen Staaten. Wenn Parteien sich ihrer Dienste auf dem Weg zur Macht bedienen können, tun sie es. Solange demokratische Öffentlichkeit und Rechtsstaat funktionieren, sind sie aufzuhalten. Sie werden folglich alles daran setzen, Meinungsfreiheit und unabhängige Justiz zu torpedieren. Solche Typen mit einem herzlichen Verhältnis zu Frau und Kindern und – nach eigenem Bekunden – keinerlei persönlichen Aversionen gegen Juden, Russen, Deutsche, Katholiken, Protestanten, Andersfarbige, Schwule, Rechte, Linke oder überhaupt irgendwie „Andere“ drücken aber nötigenfalls – mit dem reinsten Gewissen der Welt – auf den Knopf mit der Hunderttausend-Tote-Technik. Warum? Weil sie es können. Das gilt als gesund.

 

Sonntag, 24. Februar 2013

Kapitel 3 (7)

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Na klar, werden Sie sagen, so lernt man ja und so funktioniert das Fahrradfahren. Und wenn Artisten eine Menschenpyramide bauen, dann gelingt ihnen das nur, wenn sie in jedem Augenblick auf die Bewegungen der mit ihnen Verbundenen sensibel und ausgleichend reagieren. Das zu wissen heißt aber noch lange nicht, es zu können. Und wenn Sie es einmal können, werden Sie wenig bewusste Wahrnehmung auf den Erhalt des Gleichgewichtes verwenden müssen: Ihr Körpergedächtnis, Teil ihrer inneren Matrix, balanciert automatisch mit. Dank des Körpergedächtnisses verlernen Sie niemals das Fahrradfahren oder Schwimmen. 
Sehen Sie mir nach, wenn diese Einsicht für Sie schon banal ist: Ich möchte nur auf zwei wesentliche Punkte hinweisen, die bei den Überlegungen zum Thema Interaktionen entscheidend sein werden:
  • Bei allen solchen Wechselwirkungen bedeutet Stillstand, dass das System zusammenbricht, und die kritischen Momente für den Übergang eines solchen Systems in einen chaotischen – beim Radfahren und der Leiterbalance unbeherrschbaren – Zustand liegen nahe am Stillstand, also da wo die Bewegungen zu schwach sind, das System im Gleichgewicht zu halten.
  • Die Gestalt und das Funktionieren des Systems lassen sich vom Ziel aus - nämlich dem Erhalt des Gleichgewichtes - bestimmen. Kausale Verknüpfungen des Typs: „wenn A zutrifft, folgt daraus B“ erfassen immer nur einen engen Ausschnitt innerhalb des komplexen Gefüges.
In chaotischen Situationen – wenn der Stillstand droht – wird in sich selbst organisierenden Systemen Destruktion, also Gewalt in unterschiedlichsten Formen, zur Strategie mit dem Ziel der Neuorganisation. Die Selbstzerstörung gehört dazu.
Kommen wir auf Nachbars Katze zurück. Dem Sprung auf die Klinke haben wir bewundernd zugeschaut, ihr Schnurren, wenn sie mit halb geschlossenen Augen am warmen Ofen vor sich hin spann oder sich streicheln ließ, weckte bei uns sympathische Gefühle: wir erleben fast eine Urform des Wohlbehagens. Der „innere“ Zustand der Katze wird nur von hartgesottenen Katzenhassern nicht nachempfunden. Das ist natürlich auch ein Ergebnis Jahrtausende langen Zusammenlebens von Menschen mit Haustieren – dabei haben sich aber keineswegs die Haustiere einseitig der Domestizierung gefügt. Sie haben interagiert und sich „ihren“ Menschen erzogen. Und wer den Umgang von Mensch und Tier beobachtet, wird erstaunen, wie geschickt auch noch der albernste Wellensittich Strategien entwickelt, Aufmerksamkeit und Zuwendung zu gewinnen. Es geht dabei um Interaktionen im vorsprachlichen Bereich – um Signale für Emotionen –, und es waren nicht die schlechtesten Psychotherapeuten, die den Umgang z.B. mit Pferden in die Therapie psychisch labiler Kinder einführten.
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Samstag, 23. Februar 2013

Kapitel 3 (6)

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Egal ob wir die innere Matrix „Selbst“ nennen (was sie an die Theorien vom Leben als „autopoietisches“ – selbstorganisiertes -, offenes dynamisches System heranführt)1 oder „Seele“ – dreierlei erscheint zumindest plausibel:
  • Wir können etwas über ihr Wirken sagen, denn unser Leben erfolgt nicht ungeordnet.
  • Der Körper ist die Daseinsform der Seele, eine andere ist uns zumindest nicht bekannt.
  • Das Bewusstsein erfasst nur einen (sehr kleinen) Teilbereich der unablässig ablaufenden Interaktionen im Körper und zwischen Körper und Umgebung.
Unseren Körper können wir mit allerlei Werkzeugen „erweitern“; dann erweitert sich auch das Steuerungsfeld der Matrix.
Interaktion fürs Gleichgewicht
 Colla Vella de Valls - 2007 vor dem
Messeturm in Frankfurt (Wikipedia)
Vor einiger Zeit trat in einer Fernsehshow ein Hopfenbauer aus Bayern auf und zeigte ein Kunststück, für das er landauf, landab bewundert wurde. Einem professionellen Artisten wäre es womöglich als zu simpel erschienen, um es vorzuführen: Es ging darum, eine frei im Raum stehende fünf Meter lange Leiter empor zu klettern und einen Apfel zu pflücken. Spektakulär war die Aktion, weil über ihr Gelingen Wetten zwischen Prominenten abgeschlossen wurden und die Aufmerksamkeit von Millionen Zuschauern darauf fixiert war. Vor dem Bildschirm erlebten sie mit, wie der Mann seinen Fuß auf die unterste Sprosse setzte, den zweiten Fuß nachzog und begann, einen seltsamen Tanz mit dem sperrigen Gerät aufzuführen.
Gerade weil dieser Balanceakt so puristisch, ohne das Brimborium des professionellen Varietés aufgeführt wurde und weil es nur um die Frage ging: „hält er sich auf der Leiter oder stürzt er?“, ließ sich hier das Wesen eines dynamischen Gleichgewichts besonders gut erkennen. Der Hopfenbauer wäre mit seiner Leiter sofort hart aufgeschlagen, wenn er nicht ihre Füße ständig hin- und herbewegt und die Schwankungen um den gemeinsamen Schwerpunkt von Bauer und Leiter mit seinem jeweils freien Bein ausgeglichen hätte. Aus dem Bauern und der Leiter wurde der Leiterbauer, der mit der Schwerkraft wechselwirkte. Der Bauer hatte dieses System in vielen Trainingsstunden konfiguriert und „verinnerlicht“, so dass die Leiter fast wie ein zusätzlicher Körperteil – wenn auch ein mangelhafter und schwerfälliger – zum Ergreifen des in fünf Metern Höhe aufgehängten Apfels einzusetzen war.
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1 Tor NørretrandersSpüre die Welt“, Reinbek, Rowohlt 1997


Dienstag, 19. Februar 2013

Kapitel 3 (5)

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Wie unvermeidlich wir im Alltag antizipieren, also Urteile fällen und Entscheidungen treffen, ohne für komplexe Sachverhalte auch nur annährend vollständige Informationen zu haben, geschweige sie bewerten zu können, zeigt sich besonders, wenn wir Menschen einschätzen. Der “erste Eindruck” (“quick”) prägt unser nonverbales Verhalten augenblicklich. Begrüßungsrituale, Konventionen der kulturell geprägten “display rules” verhindern, dass es in der Folge zu oft “dirty” wird und zu schwer korrigierbaren Zusammenstößen kommt.
Nicht die Ursache - das Ziel bestimt den Ausdruck
Da wir Menschen aber das Denken und Reden (natürlich auch das Reden und Schreiben) ziemlich wichtig nehmen, übersehen wir bisweilen, dass alles andere, alles was so selbstverständlich im Universum von Körper-„Innerem“ und Körper-„Umgebung“ abläuft, millionenfach mehr Informationen umfasst, als uns jemals bewusst und unserem „freien Willen“ unterworfen sein könnten. Das „Ich“ kann nur wollen, was ihm bewusst ist; die innere Matrix – nennen wir sie einmal das „Selbst“ – muss alles wollen, alles antizipieren, was der Selbsterhaltung dient; das Selbst muss Strategien in wahrhaft kosmischen Dimensionen vorhalten. Vielleicht kann man sich die Matrix als ein „dynamisches Negativ“ der gesamten, jeden Einzelnen umgebenden Welt vorstellen. Damit schließt sich zugleich der Kreis zu einem Leitgedanken von Kapitel 2: ohne den Einzelnen ist das Universum nicht vollkommen.
Stellen wir uns nur einmal vor, welche Steuerungsleistung allein der aufrechte Gang erfordert: Bis heute ist kein Roboter in der Lage, etwas auch nur annähernd Funktionierendes zu leisten. Keiner von uns verschwendet normalerweise auch nur den Hauch eines Gedankens daran, wie er beim Gehen seine Füße setzt; nur wenn er stolpert, wird er aufmerksam, während die Matrix längst die korrekte Körperhaltung wiederhergestellt hat – oder er im Matsch liegt.
Ebenso gut lässt sich das am Sprechen verdeutlichen: während wir mit Wortinhalten, allenfalls noch mit dem Verhältnis zu unserem Gegenüber gedanklich befasst sind, organisiert die Matrix – neben dem fortlaufenden übrigen Körperprogramm – die Erzeugung von Schallwellen über einen hochsensiblen Apparat, an dem neben vielem anderen Zwerchfell, Stimmlippen und Zunge beteiligt sind; dazu Mienen, Gesten, und eine ganze Bibliothek von Assoziationen, möglichen Fortsetzungen und Brüchen. Das bemerken wir auch nur, wenn wir ins Stottern kommen und nach Worten „suchen“ müssen. Wenn die Rede wieder fließt, dann arbeitet die Matrix wieder unmerklich.
Hierin unterscheidet sich eben die Muttersprache deutlich von den später erlernten Fremdsprachen: der Umgang mit ihr wird – unterschiedlich gut – in frühester Kindheit automatisiert, niemand verschwendet später einen Gedanken an grammatische Regeln, während er spricht. Tut er es doch, dann gerät der Redefluss ins Stocken. Eine solche „automatisierte“ oder besser „eingewachsene“ Sprache können Erwachsene in der Fremdsprache kaum noch erreichen.
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Montag, 18. Februar 2013

Kapitel 3 (4)

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Philosophen, Hirnforscher, Ideologen und Politiker wüssten gar zu gern, wie Denken, Fühlen und Handeln der Menschen funktionieren und wie sie kontrolliert werden könnten. Auch Vanessa Schulze hätte gern ein sicheres Rezept für die eheliche Treue ihres Mannes, gern verließe sie sich nicht nur auf Zufall und das schiere Fehlen einer Gelegenheit zu Seitensprüngen.
Sie alle werden diese Kontrolle nie erlangen; sie werden damit leben müssen, immer nur einzelne Ziele zu erreichen und nur für eine begrenzte Zeitspanne. Jeder Handlungsimpuls eines Menschen erfolgt aus einem komplexen Zusammenhang bewusster und unbewusster Strebungen, er resultiert aus widersprüchlichen Gefühlen und einem ganzen Spektrum möglicher Strategien, und die Entscheidung über seine Richtung hängt selten vom Bewusstsein ab; mit anderen Worten: das bewusste „Ich“, das wir mit dem „freien Willen“ gleichsetzen, hat wenig zu sagen, weil es in einem ununterbrochen ablaufenden Geschehen, in der Selbsterhaltung eines Organismus mit ihren höchst komplexen Wechselwirkungen zwar eine nützliche, aber auch eine ziemlich unbedeutende, häufig sogar eine störende Instanz ist. Das weiß jeder Sportler, der im falschen Moment nachdachte, was er tun soll, während er den Ball verschoss, den Sprung verpatzte oder beim Rennen aus der Kurve flog.
Vorläufer des Badminton
„Wer denkt, hat verloren!“: diesen Spruch gebrauchen wir beim Volleyball, Squash oder Badminton immer wieder, wenn die Zehntelsekunde gedanklicher Entscheidung zwischen Vor- oder Rückhand, Lop oder Schmetterschlag, lang oder kurz gespieltem Ball den Reflex – damit den Fluss andauernden Antizipierens von Bewegungen des Balls und des Gegners – unterbricht und wir ihn verlieren. Wir geraten an das seltsame, aber messbare Phänomen, dass Gehirn und Körper mit einer Handlung längst fertig sind, wenn wir darüber zu entscheiden meinen.
Der Quantenphysiker Nils Bohr hat dieses Phänomen anhand eines Duells mit Spielzeugpistolen seinen Mitarbeitern einmal veranschaulicht: Wer zuerst schoss, verlor meistens, wer nur reagierte – natürlich Bohr selbst - war schneller. Der Spaß ist inzwischen mehrfach experimentell untermauert. Während der erste bewusst entscheiden musste, antizipierte der zweite die Aktion.
Unser Gehirn und Körper antizipieren einfach ununterbrochen; fast für jede Situation werden automatisierte Abläufe – vom simplen Reflex bis zur Ergänzung völlig verstümmelter Texte – vorgehalten. Nur ausnahmsweise erleben wir so etwas wie Schockstarre, bleibt uns „die Spucke weg“ oder „das Herz stehen“. Antizipation ist messbar schneller als jede gedankliche Entscheidung – aber auch mit mehr Fehlerrisiko behaftet, salopp gesprochen “quick and dirty”.
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Kapitel 3 (3)

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In Spielfilmen beweisen die Amerikaner den Europäern immer wieder einmal, wie weit sie ihnen dabei voraus sind, wissenschaftliche Arbeit in unterhaltsame Geschichten zu verpacken und neue Gedanken unter die Leute zu bringen.
Tatsächlich sind die „Matrix“- Filme eine Einladung zum Nachdenken über das Zusammenspiel von Gehirn, Körper und Welt. Die astronomische Zahl der im Gehirn wechselwirkenden Zellen, deren jede wieder eine kosmische Dimension innerer Prozesse ablaufen lässt, rechtfertigt ohne weiteres die Vorstellung, dort könne eine ganz eigene Welt bestehen. Mit einem Kunstgriff – so suggerieren die Autoren des Films – wäre diese innere Welt von der äußeren abzukoppeln, zu der unser Körper die Schnittstelle ist. Findet man einen Weg, die Vorgänge der inneren Welt anders als über die Schnittstelle des Körpers und seiner Sinnesorgane zu beeinflussen und miteinander zu verkoppeln, also durch eine direkt mit den Hirnzellen verbundene „Matrix“, dann könnte man über die Körper als „Energielieferanten“ verfügen und würde das „Ich“ im Ghetto einer imaginären Welt einsperren.
Hieronymus Bosch malte vor über 500 Jahren Höllenvisionen
Die scheinbare Trennung zwischen „innen“ und „außen“ beschäftigt die Menschen seit je. In der Phantasie zeigt uns ja die „Innenwelt“ auch ganz eigene Wege, sie können sich von der „Realität“ sehr weit entfernen – etwa im Traum oder in Wahnvorstellungen. Die Innenwelt birgt für uns ebenso viele Rätsel wie der Kosmos oder die Welt der Elementarteilchen. Auch in ihr scheint es „zugängliche“ und „unzugängliche“ Bereiche zu geben, und wir setzen alles daran, in sie einzudringen.
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Donnerstag, 7. Februar 2013

Kapitel 3 (2)

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Ein einfacher Selbstversuch wird Sie überzeugen: Legen Sie sich entspannt auf den Rücken und versuchen Sie zu erspüren, an welchen Punkten Ihr Körper den Boden berührt. An diesen „Auflagepunkten“ werden Sie die verschieden starke Schwerkraft fühlen, mit der Körperteile - z.B. die Waden - auf den Boden drücken. Stehen Sie nun auf - aber nicht wie gewohnt, sondern indem Sie verfolgen, welchen Muskel Sie zuerst gegen die Schwerkraft einsetzten. Wo genau beginnt das Aufstehen? Schon das ist nicht leicht zu sagen. Wenn Sie wirklich die Bewegung aller Muskeln verfolgen wollen, die zum Aufstehen nacheinander und miteinander agieren, werden Sie ziemlich lange brauchen. Gönnen Sie sich ruhig das Vergnügen festzustellen, mit welch routinierter Lässigkeit ihr Körper normalerweise die Schwerkraft überwindet. Er braucht nichts weiter als ein Ziel: „Aufrecht stehen“. Die Bewegungen laufen „automatisch“ ab - es sei denn, eine Verletzung behindert uns. Dann weichen Haltungen und Bewegungen ab, es entstehen„Schonprogramme“, mit denen wir Schmerzen vermeiden.
Kinder lernen nicht muskel- und gelenkweise laufen, sondern indem das genetisch angelegte „Körperprogramm“ das Gleichgewicht aus Schwerkraft, Fortbewegungsdrang und kindlichen Bewegungsmöglichkeiten dynamisch konfiguriert. Das Programm wächst mit dem Kind.
Der Gedanke drängt sich auf, dass zu dem „äußeren“, mit der Umwelt interagierenden Körper ein „innerer“ Körper gehört, eine Matrix sämtlicher arttypischer Bewegungsprogramme. Diese Matrix ist im Wesentlichen im Genom eingefaltet. Jede Generation gibt mit den Genen die von unzähligen Vorläufern erlebten Wechselwirkungen und gewachsenen Verhaltensmuster weiter; zugleich passt sich die Matrix, während sie sich im Laufe eines individuellen Lebens entfaltet, den Umgebungsbedingungen in bestimmten Grenzen an. Sie definiert die komplexen Abläufe von Wahrnehmung, innerer Koordination und Interaktion mit der Umwelt. Es ist sinnvoll, sich eine vieldimensionale Matrix vorzustellen, deren mathematisches Modell immer noch die Simulationsfähigkeit der stärksten Superrechner übersteigt. Anschaulich erscheint das Bild eines Operators, der das innere Gleichgewicht steuert und zugleich durch ein System von Sensoren und Aktoren an die Umgebung gekoppelt ist.
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Kapitel 3 (1)

 
Die Entdeckung und Verstellung des Körpers:
Wie durch „Objektivität“ dem Leib die Seele und dem Diskurs der Sinn ausgetrieben wird. Das Elend der Schulen.
Die Grinsekatze aus "Alice im Wunderland"
Die Grinsekatze aus "Alice im Wunderland"
Als Kind bewunderte ich die Katze unserer Nachbarin, weil sie auf die Klinke der Küchentür springen konnte und sich so ohne menschliche Hilfe die Tür öffnete. Die Katze verfehlte die Klinke nie. Sie fixierte vom Boden aus ihr Ziel, spannte ihre Muskeln, wobei ihr ganzer geschmeidiger Körper sich wie eine Faust zu ballen schien, sprang und balancierte genau jene halbe Sekunde lang auf dem Griff, bis ihr Gewicht ihn nach unten gedrückt hatte. Bevor sie von der schräg stehenden Klinke abrutschen konnte, war sie schon auf allen Vieren gelandet und verschwand mit erhobenem Schwanz im Flur.
Weder hatte jemand der Katze das Kunststück beigebracht, noch wusste irgendeiner, ob und wie viele Fehlversuche nötig waren, bis das gewitzte Tier es beherrschte. Niemand hatte sie üben, noch beim Sprung auf die falsche, äußere Klinke der Tür scheitern sehen. Auf jeden Fall aber lief das Türöffnen mit einem unglaublich präzisen Gespür für Rhythmus und räumliche Koordination ab, und soviel ist sicher: bevor die Katze sprang, war das gesamte ebenso komplexe wie stimmige Bewegungsprogramm ihrer Nerven, Sehnen und Muskeln fertig. Sie antizipierte das Ergebnis des Sprunges - die Landung auf der Klinke - und dann startete sie.
Auch Menschen - z.B. Artisten - erstaunen uns mit Leistungen körperlichen Antizipierens. Das setzt eine besonders gute Wahrnehmung, innere Koordination und physische Kraft und Beweglichkeit voraus. Antizipation ist aber eigentlich etwas so Alltägliches, dass normalerweise niemand darüber ein Wort verliert. Bei jedem Aufstehen von einem Stuhl läuft ein komplexes Bewegungsprogramm ab und es würde Wahrnehmungsfähigkeit und Konzentration überfordern, alle die dabei ablaufenden Muskelspannungen und -entspannungen jede für sich einzeln zu initiieren.
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Donnerstag, 24. Januar 2013

Der unvermeidliche Vorgriff

Demnächst veröffentliche ich hier die überarbeitete Fassung von “Der menschliche Kosmos”, Kapitel 3, Darin spielt der Begriff der Antizipation eine wesentliche Rolle. Gemeint ist das seltsame, aber messbare Phänomen, dass Gehirn und Körper mit einer Handlung längst fertig sind, wenn wir darüber zu entscheiden meinen. Der Quantenphysiker Nils Bohr hat das anhand eines Duells mit Spielzeugpistolen seinen Mitarbeitern einmal veranschaulicht: Wer zuerst schoss, verlor meistens, wer nur reagierte – natürlich Bohr selbst - war schneller. Der Spaß ist inzwischen experimentell untermauert. Während der erste bewusst entscheiden musste, antizipierte der zweite die Aktion. Tennisspieler, Squasher und andere Ballspieler kennen das Phänomen unterm Schlagwort “Wer denkt, hat verloren”.

Die Antizipation ist schneller, aber auch mit mehr Fehlerrisiko behaftet, salopp gesprochen “quick and dirty”.

Wie unvermeidlich wir im Alltag antizipieren, also Urteile fällen und Entscheidungen treffen, ohne für komplexe Sachverhalte auch nur annährend vollständige Informationen zu haben, geschweige sie bewerten zu können, zeigt sich besonders, wenn wir Menschen einschätzen. Der “erste Eindruck” (“quick”) prägt unser nonverbales Verhalten augenblicklich. Begrüßungsrituale, Konventionen der kulturell geprägten “display rules” verhindern, dass es in der Folge “dirty” wird und zu schwer korrigierbaren Zusammenstößen kommt.

Bei Nietzsche findet sich dazu in “Menschliches Allzumenschliches” ein interessanter Artikel (32. Ungerechtsein notwendig):

Friedrich Nietzsche ca. 1875“Alle Urteile über den Wert des Lebens sind unlogisch entwickelt und deshalb ungerecht. Die Unreinheit des Urteils liegt erstens in der Art, wie das Material vorliegt, nämlich sehr unvollständig, zweitens in der Art, wie daraus die Summe gebildet wird, und drittens darin, dass jedes einzelne Stück des Materials wieder das Resultat unreinen Erkennens ist und zwar dies mit voller Notwendigkeit. Keine Erfahrung zum Beispiel über einen Menschen, stünde er uns auch noch so nah, kann vollständig sein, so dass wir ein logisches Recht zu einer Gesamtabschätzung desselben hätten; alle Schätzungen sind voreilig und müssen es sein. Endlich ist das Maß, womit wir messen, unser Wesen, keine unabänderliche Größe, wir haben Stimmungen und Schwankungen, und doch müssten wir uns selbst als ein festes Maß kennen, um das Verhältnis irgend einer Sache zu uns gerecht abzuschätzen. Vielleicht wird aus alledem folgen, dass man gar nicht urteilen sollte; wenn man aber nur leben könnte, ohne abzuschätzen, ohne Abneigung und Zuneigung zu haben! — denn alles Abgeneigtsein hängt mit einer Schätzung zusammen, ebenso alles Geneigtsein. Ein Trieb zu Etwas oder von Etwas weg, ohne ein Gefühl davon, dass man das Förderliche wolle, dem Schädlichen ausweiche, ein Trieb ohne eine Art von erkennender Abschätzung über den Wert des Zieles, existiert beim Menschen nicht. Wir sind von vornherein unlogische und daher ungerechte Wesen, und können dies erkennen: dies ist eine der größten und unauflösbarsten Disharmonien des Daseins.”

Eigensinn verpflichtet! » Leben Lesen

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