Donnerstag, 7. Februar 2013

Kapitel 3 (2)

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Ein einfacher Selbstversuch wird Sie überzeugen: Legen Sie sich entspannt auf den Rücken und versuchen Sie zu erspüren, an welchen Punkten Ihr Körper den Boden berührt. An diesen „Auflagepunkten“ werden Sie die verschieden starke Schwerkraft fühlen, mit der Körperteile - z.B. die Waden - auf den Boden drücken. Stehen Sie nun auf - aber nicht wie gewohnt, sondern indem Sie verfolgen, welchen Muskel Sie zuerst gegen die Schwerkraft einsetzten. Wo genau beginnt das Aufstehen? Schon das ist nicht leicht zu sagen. Wenn Sie wirklich die Bewegung aller Muskeln verfolgen wollen, die zum Aufstehen nacheinander und miteinander agieren, werden Sie ziemlich lange brauchen. Gönnen Sie sich ruhig das Vergnügen festzustellen, mit welch routinierter Lässigkeit ihr Körper normalerweise die Schwerkraft überwindet. Er braucht nichts weiter als ein Ziel: „Aufrecht stehen“. Die Bewegungen laufen „automatisch“ ab - es sei denn, eine Verletzung behindert uns. Dann weichen Haltungen und Bewegungen ab, es entstehen„Schonprogramme“, mit denen wir Schmerzen vermeiden.
Kinder lernen nicht muskel- und gelenkweise laufen, sondern indem das genetisch angelegte „Körperprogramm“ das Gleichgewicht aus Schwerkraft, Fortbewegungsdrang und kindlichen Bewegungsmöglichkeiten dynamisch konfiguriert. Das Programm wächst mit dem Kind.
Der Gedanke drängt sich auf, dass zu dem „äußeren“, mit der Umwelt interagierenden Körper ein „innerer“ Körper gehört, eine Matrix sämtlicher arttypischer Bewegungsprogramme. Diese Matrix ist im Wesentlichen im Genom eingefaltet. Jede Generation gibt mit den Genen die von unzähligen Vorläufern erlebten Wechselwirkungen und gewachsenen Verhaltensmuster weiter; zugleich passt sich die Matrix, während sie sich im Laufe eines individuellen Lebens entfaltet, den Umgebungsbedingungen in bestimmten Grenzen an. Sie definiert die komplexen Abläufe von Wahrnehmung, innerer Koordination und Interaktion mit der Umwelt. Es ist sinnvoll, sich eine vieldimensionale Matrix vorzustellen, deren mathematisches Modell immer noch die Simulationsfähigkeit der stärksten Superrechner übersteigt. Anschaulich erscheint das Bild eines Operators, der das innere Gleichgewicht steuert und zugleich durch ein System von Sensoren und Aktoren an die Umgebung gekoppelt ist.
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