Freitag, 2. August 2013

Kapitel 4 (2)

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Splitterbalken
Balken im eigenen, Splitter im Auge des Nächsten
Ich vermute, dass auch Sie leicht etliche „Sündenböcke“ aus Ihrem aktuellen Erleben aufzählen könnten – viel mehr als erfreuliche Zeitgenossen. Unsere Wahrnehmung nimmt feindliche und behindernde Faktoren eben viel stärker und lebhafter auf und antizipiert sie eher als freundliche. Die Qualitäten anderer Menschen erstrahlen übrigens nie so hell wie – womöglich durch Lob bestätigte – eigene. Unsere Fehler und unsere Schuld werden dagegen rasch ausgeblendet, vergessen, verdrängt. Genau dafür brauchen wir den Sündenbock.
Die Bibel zeichnet das Bild vom Splitter im Auge unseres Nächsten, den wir sehen, ohne den Balken im eigenen Auge wahrzunehmen (Abb. aus den pictura paedagogica). Es ist nicht die einzige präzise biblische Beschreibung menschlicher Verhaltensweisen, und es ist immer noch ein großer Gedanke, dass ein allerletzter, universeller Sündenbock die Menschen daran hindern könnte, sich selbst und andere weiterhin mit Schuldzuweisungen zu quälen. Alle Schuld, alles Versagen sei durch den Opfertod Jesu Christi am Kreuz abgegolten, und wer tätige Reue übt - also aus Fehlern erkennbar lernt – sei Gott sogar lieber als 99 Gerechte. Im rituellen Abendmahl, bei dem die Gläubigen symbolisch vom Blute ihres Erlösers trinken und von seinem Leib essen, wird die Vereinigung mit dem unschuldig und stellvertretend für alle Sünder gerichteten Religionsstifter vollzogen, die Schuld des einzelnen erlischt. Wahrhaftig: eine befreiende Ermunterung zum Lernen – denn ohne Fehler lernen wir nichts! – und eine Botschaft für den befreiten, verantwortungsbewussten und vertrauensvollen Umgang miteinander.
Die Kirche Christi (eine wirklich altehrwürdige Korporation!) interpretierte diese Botschaft alsbald dahingehend, dass nur die Christengemeinschaft solche Gnade verdient. Ungetaufte und unbußfertige Sünder verfielen über die Jahrhunderte erbarmungsloser Verfolgung. Missliebige Frauen wurden zu Hexen; ihnen schrieb man die Schuld an Missernten und Krankheiten zu. Wissensdurstige und Reformwillige wurden als „Ketzer“ und „Abweichler“ gefoltert und verbrannt, eine Praxis, die alle Religionen und Ideologien ziemlich ausnahmslos bis heute pflegen, auch wenn statt des Scheiterhaufens nur noch der öffentliche Rufmord zelebriert wird. Das Volk, dem Christus entstammte, wurde insgesamt zum Sündenbock – bis zum grausigen Höhepunkt der „Endlösung“. Das „vorsintflutliche“ Ritual erweist sich immer noch als mächtiges Verhaltensstereotyp. Und das gilt für den Einzelnen genau wie für kleine und große Sozialgebilde: Familien, Stämme, Völker und Religionsgemeinschaften, Nationen, weltumspannende politische Bewegungen und Unternehmen: der Bedarf an Sündenböcken ist unstillbar.

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