Mittwoch, 14. August 2013

Kapitel 4 (3)

Nietzsche ca. 1875(Zurück zu Abschnitt 2)
“Das hast du getan“, sagt mein Gedächtnis. „Das kannst du nicht getan haben“, sagt mein Stolz und lässt nicht locker. Endlich gibt das Gedächtnis nach.”
Des genauen Wortlauts dieses Zitats bin ich nicht sicher; es stammt von Friedrich Nietzsche und sagt alles über die Fähigkeit, sich von eigenen Taten und deren Wirkungen zu distanzieren.
Es fehlt nicht – und gerade in jüngster Zeit nicht – an Belegen für die Vitalität dieser Selbstinteraktion, dieses von beschönigender Selbstwahrnehmung induzierten Vergessens. Politiker, Journalisten, Finanzberater verlieren die Erinnerung an ihre Fehlleistungen am schnellsten.
Aber da das Verdrängen eigener Schuld nur die eine Hälfte des Problems löst – das Selbstbild bleibt rosig – nicht aber die andere, nämlich dass auch das Ansehen, der Sozialstatus intakt bleibt, verbindet sich das Verdrängen unweigerlich mit dem Abwälzen von Schuld und Versagen auf dritte (oder ein Drittes – z.B. die störrische Technik oder minderwertiges Material).
Diese unvermeidlich dem Ursache-Wirkung-Schema verhaftete Strategie nennen wir Kausalattribuierung. Sie folgt fast jeder Störung wie der Donner dem Blitz. Sie ist ein Ritual, und Rituale definieren Rollen.
Wir haben es hier mit einem besonders auffälligen Beispiel für die Definition einer „Rolle“ – nämlich der des Sündenbocks – durch charakteristische Interaktions- und Selbstinteraktionsmuster zu tun. Und dieses Muster besetzt eben nicht nur Individuen, sondern – wir erkennen wieder die „fraktale Selbstähnlichkeit“ – auch Sozialgebilde (Familien, Firmen, ethnische Gruppen, Organisationen, Staaten Religionsgemeinschaften etc.).
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